Das US-Finanzministerium will lange Staatsanleihen zurückkaufen und sich kurzfristig refinanzieren. Ein Werkzeug, das sonst der Notenbank gehört. Thomas Romig ordnet ein, was das für Anleihen, den Dollar und die Aktienmärkte bedeutet.
Zu Gast
Thomas Romig
· Head of Multi Asset Portfolio Management, Assenagon
Selbst die Bild-Zeitung warnt inzwischen vor einer Schuldenkrise. An den Anleihemärkten steigen die Zinsen, und je höher sie stehen, desto teurer wird für jeden Staat das, was er ohnehin schon schuldet. In Washington versucht das Finanzministerium deshalb etwas, das sonst die Notenbank tut. Ob das trägt, ist die Frage dieser Folge.
0Bio. USDUS-Staatsschulden, genannt im CNBC-Gespräch mit dem Finanzminister
0 bis 0ProzentSo nah liegen Nasdaq, S&P 500 und Dow Jones dieses Jahr beieinander
0MinutenLänge der Folge, nächste Woche wieder in normaler Länge
Der Plan
Lange Anleihen kaufen, kurz refinanzieren
Das Finanzministerium kauft langlaufende Staatsanleihen zurück, um die Zinsen am langen Ende zu drücken, und leiht sich das Geld am kurzen Ende. Das Ziel ist eine flachere Kurve. Der Haken steckt darin, dass sich das kurze Ende gut steuern lässt, das lange Ende dagegen kaum.
Kurve, wie der Markt sie stellt Kurve, die das Finanzministerium anstrebt
Die Zeichnung ist schematisch und zeigt die Richtung, nicht gemessene Zinssätze. Konkrete Werte nennt die Folge nicht.
Das Gespräch
Sieben Stationen durch die Folge
00:43
Die Macht der Anleihemärkte
Überall werden neue Schulden gemacht, und mit jedem Zinsschritt nach oben wird der Altbestand teurer. Nicht durch Zufall wird den Anleihemärkten eine große Macht über Politiker nachgesagt: steigende Zinsen setzen selbst US-Präsident Donald Trump1 unter Druck.
01:20
Der Finanzminister im Original
Weisbach spielt Scott Bessent2 im O-Ton ein, aufgenommen bei CNBC3. Er kündigt an, die Rückkäufe auszuweiten, und lässt offen, wie weit.
„Well, again, we have a big toolkit, so we'll see. And part of it is signaling here and to show that we believe that the yields don't reflect the underlying fundamentals."
Die CNBC-Moderatorin hält dagegen, dass am Ende die Fundamentaldaten entscheiden, und nennt die Zahl, an der sich alles bricht: 40 Billionen Dollar Staatsschulden4.
„There's nothing magic about the $40 trillion number. And we can grow our way out of that."
04:10
Ein kleiner Zwischenhöhepunkt
Romig nimmt der Aufregung die Spitze, ohne den Befund kleinzureden. Dass die Staatsschulden global erhöht sind, nennt er schlicht einen Fakt. Neu sei nur, dass es das Thema bis in die Bild-Zeitung geschafft hat.
„Aber dass es eben eine gewisse Volatilität auch in der Berichterstattung gibt, die hat es letztendlich in die Bild-Zeitung geschafft, aufgrund der jetzt doch interessanten Strategie, die das US-Finanzministerium eben vorschlägt."
Seine Erwartung ist nicht Ruhe, sondern Ausschlag: „Wir rechnen da eben mit einer erhöhten Volatilität, weil es eben nicht so einfach ist, den langfristigen Zins zu begrenzen bzw. unter Kontrolle zu halten als den kurzfristigen Zins."
05:46
Ohne die Notenbank geht es nicht
Kann ein Finanzministerium die Rolle einer Zentralbank übernehmen? Hier wird das Gespräch grundsätzlich. Romigs Antwort ist ein klares Nein auf Dauer.
„Das ist genau der schlagende Punkt. Ich denke, wenn man das tatsächlich langfristig auch so umsetzen will, muss die Notenbank damit einsteigen. Die hat unbegrenzte Firepower."
Der Fachbegriff dafür ist Yield Curve ControlDie Notenbank legt nicht nur den kurzfristigen Leitzins fest, sondern kauft so lange Anleihen, bis auch die längeren Laufzeiten dort liegen, wo sie sie haben will. Die Bank of Japan hat das über Jahre praktiziert.. Und genau hier liegt der Konflikt: Kevin Warsh5, seit Mai 2026 Vorsitzender der US-Notenbank, will die Bilanz der Fed verkleinern6, also eher Anleihen abgeben. Das Finanzministerium will das Gegenteil.
„Dem kann man letztendlich nicht widersprechen, um die Yield Curve Control in so einer Situation einführen zu können, braucht man einfach die Firepower der Notenbank."
Dass Notenbanken erfinderisch werden, wenn der Druck steigt, hat Romig aus der Nähe gesehen. Die EZB7 habe in den letzten 15 bis 20 Jahren Instrumente auf den Tisch gebracht, die aus Sicht vieler Ökonomen schwer mit ihrem Mandat zu vereinbaren waren.
„Also ich glaube da können wir uns auf interessante Überraschungen schon mal vorbereiten."
09:10
Was passiert mit dem Dollar
Wer stark in die Zinsmärkte eingreift, muss sich die Frage nach der Währung gefallen lassen. Romig nennt sie beim Namen: den Debasement TradeDie Wette darauf, dass eine Währung durch Schulden und Notenbankeingriffe an Wert verliert. Anleger weichen dann in Sachwerte aus, etwa Gold oder Aktien..
„Also wie verlässlich in dem Fall jetzt erstens ist der US-Dollar, wenn eben die Staatsverschuldung so weitergeht, wenn, sage ich mal, ein Finanzministerium nach außen tritt und solche Instrumente einsetzen will."
Auch die Realwirtschaft hängt mit drin. Bleiben die zehn- und dreißigjährigen Renditen hoch, wird der Häuserkauf auf Pump teurer, als er es vor ein bis zwei Jahren war.
09:54
Tech dominiert die Schlagzeilen, nicht die Rendite
Der stärkste Befund der Folge ist eine Zahl, die dem Bauchgefühl widerspricht. Wer glaubt, Tech habe dieses Jahr alles abgehängt, liegt daneben.
„Beide sind so um die 10, 12 Prozent gelaufen. Also es ist gar nicht so sehr, dass Tech dominiert hat in der Performance, aber natürlich im Newsflow, ganz klar."
Romig nennt eine Spanne für alle drei Indizes, keine Einzelwerte. Die Balken bilden diese Nähe ab, nicht drei gemessene Renditen.
Daraus folgt seine Positionierung: eher Europa als global gewichtet, im Tech-Bereich eher zurückhaltend, dafür stärker bei Value. Damit meint er Industriewerte wie Siemens11 und Banken, nicht die spannenden Ecken des Marktes. Den Hype im Technologiebereich hält er trotzdem für anders gelagert als im Jahr 2000, weil ihn heute echte Investitionen tragen.
14:15
Europas Chance liegt in der Anwendung
Beim Thema KI dreht Romig die übliche Erzählung um. Europa hat von der Euphorie wenig gehabt. Die zweite Welle könnte anders laufen, wenn hier das Wissen sitzt, die Technik in industrielle Prozesse zu bringen.
„Ich glaube, da liegt die Chance in Europa bei der Anwendung von KI, weil das ist die große Hürde."
„KI ist schön und nett, wenn man nach dem nächsten Restaurant sich informieren will, was eventuell eine gute Bewertung hat. Aber um tatsächlich hier tiefgreifende Produktivitätssprünge hinzubekommen, hört man zumindest."
Ehrlich bleibt er beim Geld: als Investmentstrategie lässt sich das derzeit nicht gießen. Für die kommenden Monate ist er dennoch offensiv aufgestellt, mit einer höheren Aktienquote als normal, und nennt als offene Punkte die Midterm Elections12 und die Zinsdiskussion.
„Aber man muss flexibel sein und da Gewehr bei Fuß stehen."
Wer spricht
Gast und Gastgeberin
Zu Gast
Thomas Romig
Head of Multi Asset Portfolio Management · Assenagon Asset Management
Steuert Multi-Asset-Portfolios ohne Bindung an eine Benchmark. Ausgebildeter Bankkaufmann, DVFA-Investmentanalyst (CEFA), vor Assenagon Leiter des Multi Asset Managements bei Union Investment.
Seit über 15 Jahren für internationale Medien im Einsatz, darunter CNBC, Bloomberg und DW-TV. Führt in jeder Folge ein Gespräch mit Entscheidern, Fondsmanagern und Analysten.